Konservative und Blasphemie
Eine Gratwanderung ...
Wir Konservative beklagen völlig zurecht, dass Schmähungen unserer christlichen Symbole als Ornamentik progressiver Kunst, als Ausweis herrschaftsfreier, aufgeklärter, offener, lebensbejahender Gesinnung, jedoch unsere Einsprüche gegen solche Verhöhnungen unseres religiösen Kulturlegates sofort als borniertes Hinterwälder- oder Hinterweltlertum (Nietzsche) angesehen werden. Wenn ein im Zeichen seines lächerlichen Ich-Kultes vergottetes Selbst ernstlich vermeint, es könne 2700 Jahren judeo-christlicher Zivilisationstradition sein selbstverliebt aufgeplustertes Ego entgegensetzen, dann ist es dies, worüber Konservative schmunzeln.
Amüsant sind Menschen, die es als den Gipfel ihrer Freiheit ansehen, jedem Triebimpuls, jedem dummen Wollen -natürlich befreit von den Maßstäben eines strengen Ethos- sofort nachgeben zu müssen. Oder solche, die glauben, dass Gedankenfreiheit sich in der Ignoranz unserem geistigen Patrimonium gegenüber heranbilden würde, dass Gedankenfreiheit also vor allem gedankenfrei zu sein habe. So, als wäre das große Vergessen großer Geistesüberlieferungen schon eine große intellektuelle Denkwürdigkeit an sich. Darüber, dass manche nicht einsehen, dass Denken nicht ohne Gedenken oder Nach-Denken (Erinnerung) zu haben ist, manche gar der Auffassung zuneigen, dass mit ihnen die ganze abendländische Geistigkeit erst anhebe, darüber machen wir uns lustig, nicht über Blasphemie: Blasphemie gehört verpönt. Die Gründe sind: Niemand, auch der Blasphemiker nicht, beleidigt einen Gott, von dessen Inexistenz er überzeugt ist, es sei denn, er wäre schizophren.
Niemand, auch der Blasphemiker nicht, würde je einen Gott schmähen, von dessen Existenz er ausgeht, es sei denn, er wäre beseelt von einem verrückten Leichtsinn.
Der nicht verrückte Blasphemiker beleidigt also nicht Gott, sondern Gläubige, also Menschen.
Religiöse Gefühle sind sehr existentielle, z.T. sehr intime Gefühle, deren Kränkung hart trifft. Darum:
Blasphemie ist ungehörig. Pöbelhaft.
Aber: Gesetzt, die dänischen Karikaturen wären -wenn überhaupt, dann nur in mäßiger Form- blasphemisch, so sind Reaktionen wie Mordaufrufe und Terrordrohungen ebenso illegitim, wie friedlicher Einspruch gegen die umstrittenen Mohammed-Darstellungen legitim wäre.
Toleranz ist eine Geisteshaltung, eine Tugend. Kein beliebiges Schweben über allen Gegensätzen. Die Toleranz hat nämlich ihrerseits einen Gegner, einen Feind, die Intoleranz (Fanatismus, Islamofaschismus etc.). Die Intoleranz ist dabei kein bloß logischer Gegenbegriff, sondern eine reale Gegenmacht, gegen die sich die Toleranz real zu behaupten hat.
Die Intoleranz ist nicht etwa die Negation der Toleranz, ganz das Umgekehrte ist historisch und der Sache nach der Fall: Die Toleranz ist die Negation der Intoleranz.
Aus diesem Grund, um unsere Ablehnung (Negation) der Terrordrohungen gegen das dänische Blatt zu dokumentieren, wurden die Karikaturen veröffentlicht. Nicht zu unserer Erheiterung, sondern als unser NEIN zu Intoleranz.Die Frage, der wir uns allerdings zu stellen haben, ist die: Es gibt zu viele Islamofaschisten um den Islam vom Islamismus völlig trennen zu können. Aber: Wir können auch nicht unsere muslimischen Zuwanderer und mehr als 1 000 000 000 Menschen als unsere potentiellen Feinde betrachten. Was für einen Sinn machte dann noch der Irakkrieg -der demokratische Irak als Nucleus eines demokratisierten Mittleren Ostens ohne (halb-)staatlichen Terror-, welchen Sinn unsere Forderung, mittelfristig unsere Parallelgesellschaften durch Integration(sdruck) aufzulösen? Werden wir Konservative etwa genötigt sein, mit der positiven Macht nicht bloß unser wertvollen Traditionen, sondern auch mit der destruktiven Kraft verhängnisvoller Traditionen in der muslimischen Welt noch mehr zu rechnen als bisher? Müssen wir dann nicht auch unsere Haltung zum Irakkrieg, genauer: zur rechtsstaatlichen Befriedbarkeit eines besseren Irak, neu überdenken?
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